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Maria

Grenzenloser Herzgesang

Im Laufe des späteren Vormittags klopft der Briefträger Butzengeiger an die Dichterpforte im Sommertal und überreicht dem noch Unrasierten, doch schon Beschäumten ein grosses Kuvert. Am Nachmittag gleichen Tages, als sein Freund und erhoffter Koautor den Weg in die Stadt eingeschlagen hat, um sich dort mit zu qualmendem Nachschub einzudecken, nützt unser Apfelschüttler sein Alleinsein - denn Wahrfried hilft heute wieder bei der Weinernte mit - und schreibt an Maria einen Brief.

Geliebte meines Herzens, meiner Seele, meiner Liebe!

Alles, was mir an Schönem, Erhabenem begegnet, stell' ich mir so vor, dass es sich uns zusammen offenbart. Denn das vor allem, was mein Herz erbaut und meine Seele beflügelt, möchte ich mit dir teilen, damit wir uns in Gemeinsamkeit erheben können und in dem Gefühl des Überschönen, Übermächtigen uns in die liebebeseelten Augen schauen. Geliebte, heute feiere ich einen ganz besonderen Festtag, weshalb ich auch diese Feierstunden mit dir teilen möchte, denn ich fühle es, wo du auch weilst, du bist immer bei mir, wie auch ich immer bei dir bin. Heute morgen erhielt ich von meinem Münchner Verleger einen dicken Brief. In diesem befand sich ausser sieben bei ihm eingegangenen Leserbriefen die überraschende Mitteilung, dass er für mich am letzten Tag dieses Monats eine Dichterlesung in München arrangiert habe. Geliebte Maria, stell Dir vor! Ich werde meine Gedichte in einem Saal direkt am Stachus, im Herzen Deiner Heimatstadt also, vor einer grösseren Zuhörerschaft vortragen können. Sicherlich werden die Literaturkritiker verschiedener Zeitungen zugegen sein. Sie werden über ihre Eindrücke schreiben, so dass viele Leser auf mein Wirken aufmerksam werden müssen. Allmählich ebnet sich mein verheckter Dichterpfad, und statt der Dornen werden Blumen auf dem Wege liegen. Doch jede dieser Blumen möchte ich in deine Vase stecken, damit wir uns gemeinsam an ihrem Duft erfreuen. Aber die vielleicht noch grössere Freude des heutigen Tages wurde in meinem Dichterherzen durch jene vielen Leserbriefe ausgelöst. Einige Auszüge daraus werde ich Dir noch abschreiben, damit Dir, meine Geliebte, ebenfalls meine Freude zuteil werde. Ja, man wird auf meine Worte aufmerksam. Sie finden ihr Echo in allen Gegenden WestDeutschlands, dass ich in den Zügen Reisenden aus allen Ecken unserer neuen Bundesrepublik meine Lyrik in die Hand drücken kann. Wie wohltuend und neue Kräfte vermittelnd sind doch für einen Dichter die aufmunternden Briefe seiner Leserschaft. Das gibt Auftrieb und Stärke, aber es verpflichtet ihn auch, weiterhin mit aller Macht zu schaffen. Der Leser ist der Resonanzkörper des Dichters. Nur durch ihn gelangt letzterer zum vollen Tönen.

Bin ich etwa ebenfalls bloss dein Resonanzkörper?

Als Koautor bist du auf jeden Fall räsonierend resonierend. Eine Seele ist immer ein eigenes Klanginstrument. Ich würde eher geneigt sein, Molars Satz umzukehren und also zu sagen: Der Dichter ist der Resonanzkörper der allgemeinen menschlichen Seele. Durch seine Töne beginnt wiederum die individuelle Seele mitzuschwingen, weil sie sich in ihnen wiedererkennt.

Also der Dichter ist zugleich auch Resonanzkörper höherer Sphären.

Jawohl. Aber die Seele des Menschen ist ja auch dort beheimatet, denn sie umfasst ja alle der von ihr durchlebten Dimensionen. Was ihr davon bekannt ist und ihr zum Erklingen gebracht wird durch Ton oder Wort, das hallt in ihr wider.

Ich bin gespannt, was Torsten zu jenen Leserbriefen sagen wird. Sie stehen in ihrem Bekenntnis in direktem Widerspruch zu seiner Kritik, auf die er sich so viel einbildet. Oft beruht die Ablehnung, die man gegen einen Dichter hegt, auf Vorurteil oder Voreingenommenheiten. Befreit man sich davon, so kann ein Kritiker und Leser plötzlich alles in neuem Licht sehen, so dass das, was vorher im Dämmerlicht verharrte, auf einmal von allen Seiten bestrahlt dasteht. Ich muss in Torsten den Docht seines verlöschten Dichtertums wieder entzünden. Nun aber zurück zu meinem Brief.

Dein von mir täglich gelesener und mit Küssen bedeckter Novalis-Brief hat meine Gedanken in mannigfacher Weise inspiriert. Ich weiss nur zu gut, dass der Dichter offenes Sprachrohr der göttlichen Liebe ist. Wie der Leser des Dichters Resonanzkörper ist, so ist der Poet der Resonanzkörper des Göttlichen. Dieses von ihm Empfangene, Gehörte, Erfühlte wird von ihm transponiert mittels der Dichtung, die im Leser wiederum zur Resonanz gelangt. Ja, der Dichter ist der Transformator höherer Offenbarung, der die hohen Spannungen in geringere umwandelt, damit der Leser sie überhaupt verstehen und für sein Leben vielleicht auch verwerten kann. Somit muss umgekehrt der Leser im Gedicht wiederum die grossen Spannungen erahnen, die sich dem Dichter aus höheren Lichtquellen mitgeteilt haben. Deshalb wage ich zu sagen: Dichtung ist Transformation höherer Offenbarung.

Bist du es, der ihm jetzt als 'höhere Offenbarung'dient?

Ich halte mich, was diesen Brief angeht, ganz zurück, denn auch ich möchte ja etwas offenbart bekommen.

Dichtung ist die Transparenz göttlicher Liebe und ewiger Harmonien. Sie ist das Prisma, durch welches sich das Göttliche der Welt offenbart. Das gleiche oder ähnliches gilt natürlich für jede wahrhaftige Kunst. Dichtung als Prisma höherer Offenbarung ergiesst diese in sieben Farben in die Vorstellungen der Menschen hinein. Aber vom Standpunkt der Leser aus gesehen bedeutet Dichtung Verdichtung, denn sie sammelt das Farbengewebe des Lichtes und bündelt es zu dem einen ganz hellen Strahl, der zu einer höheren Lichtquelle zurückführt. Somit ist die Dichtung als Prisma des Daseins zugleich Licht erteilend als auch lichtbündelnd tätig. Ja, dem Dichter ist das Amt des Lichtvermittlers - ich bin versucht zu sagen, des Lichtwalters - zu eigen. Je mehr Licht durch sein Prisma fliesst, desto heller wird diese Welt.

In den nächsten Tagen werde ich mich wieder auf Dichterdienstreise in den Norden begeben, um lichtverteilend tätig zu sein. Doch bald, herrlichste Maria, werden wir uns in den Armen liegen und unser beider Licht zu einer Liebesflamme vereinigen. Ich küsse Dich.

Dein Hans Winfried

Nun schlage ich vor, dass auch wir in den Norden reisen, um dort ein wenig vorstellig zu werden.

Sollten wir etwa von diesem Kapitel Abschied nehmen, ohne vorher jene Auszüge aus Molars Leserbriefen mit in unser Buch aufgenommen zu haben?

Willst du, dass wir unser Buch mit fremden Federn schmücken?

Wie kannst du von fremden Federn sprechen, wenn wir doch alle in einer Dichtung stehen?

Auf deinen Einwand weiss ich nichts zu antworten. Aber wäre es nicht einmal romanbezogener, wenn du dir überlegtest, unserem Dichter und Romanhelden einen selbstverfasstenechten' 'Leserbrief' zu schreiben?

An diese Möglichkeit habe ich noch gar nicht gedacht.

„Dank für den Wohllaut Ihrer fliegenden Verse und deren starke Erkenntnis der Gotteswürde der Schöpfung. Was ich sonst an deutschen Versen las, ist zivilisatorisch verquält und gar nicht dem babylonischen Turmsturz der Gegenwart gewachsen.“

„Möge es Ihnen gegeben sein, den Menschen zurückzuführen zu seinen besten Quellen.“

„... und kam mir entsetzlich verlassen vor. dasslegten Sie mir im Zug Ihre Gedichte in die Hände, und ich fühlte mich so von ihnen angesprochen. ... In einer Zeit wie der heutigen, in der alle Menschen mehr oder weniger aneinander vorüberhasten, jeder nur mit seinen Sorgen und Nöten beschäftigt, ist es so beglückend zu erleben, dass es doch einige Menschen gibt, die sich auf sich selbst besinnen und von ihrem inneren Erleben an andere abgeben. Ich bin überzeugt, dass Ihr Ruf nicht ungehört verhallen wird, und wenn nur ein Samenkorn aufgeht und herrliche Frucht trägt, so ist Ihre Mühe nicht umsonst gewesen.“

„Vor nur einer Woche hatte ich die nun in der Insel-Bücherei erschienenen Bändchen Rainer Maria Rilke “Die Sonette an orpheus“ und “Ausgewählte Gedichte“ bei mir, neben Christian Morgensterns “Wir fanden einen Pfad.“ In solcher Gesellschaft kam dann Ihr Gedichtband “Lebendiges Sein“ zu mir, und ich möchte so gerne, dass die Segnung, die ich daraus fühle, dem Dichter zurückstrahle!“

„Ich rechne Ihr Gedichtbuch der Zahl wahrhaft wesentlicher Gedichtbücher zu, die ich in meinem langen Leben als Künstler und aus privatem Interesse gelesen habe! Edel und rein schwingt der köstlich trächtige Inhalt Ihres Buches hin, lösende Kraft und gütiges Licht bergend. Und beglückend für den Leser, dem es noch um die unwandelbaren heiligen Werte geht, ist es, dass das Grossmenschliche die Mitte Ihres Buches ist ... Echtheit ist Ihres Buches schönstes Lob - wirklich, ein 'grenzenloser Herzgesang'!“

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Page revision: 20-07-2007
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