| Zwei Tage später hat sich Maria anlässlich des schönen Herbstwetters dazu entschlossen, gleich nach Kindergartenschluss einen Spaziergang durch die Parkanlagen des Nymphenburger Schlosses zu unternehmen und von der bewussten Liebesbank im Botanischen Garten aus dem nun kreuz und quer durch Deutschland reisenden Geliebten einen Brief zu schreiben. Und nachdem sie in Gedanken an ihn unter den buntgefärbten Bäumen gelustwandelt ist, setzt sie sich auf jene Bank gemeinsamer Seelenaufschwünge, zieht aus ihrem Tragetäschchen Papierblock und Federhalter hervor und beginnt zu schreiben.
München, den 5. Oktober 1949
Mein Herzallerliebster!
Ich danke Dir für Dein gestriges Telegramm aus Frankfurt. Ich freue mich, dass Du Erfolg hast und immer an mich denkst. In meinen Gedanken bin ich ebenfalls immer bei Dir. Rat einmal, wo ich jetzt sitze? Richtig! Ich sitze unter unserem japanischen Baum. Alle Leute sehen heute so innerlich vergnügt aus. Oder liegt das etwa nur an mir, dass ich vor Liebe lodere? Vielleicht verändert sich für Liebende die Welt, so dass sie auch ihre Umwelt durch eine Brille der Liebe sehen. Wie schön wäre die Welt, wenn alle Menschen lieben würden.
In dem Jenseits höherer Schwingungsfrequenzen regiert nur noch die Liebe. Und jene Paradieseswelt sieht tausendfach schöner aus als die irdische. Denn mit der durch die Liebe schöner werdenden Innenwelt verändert sich auch die Aussenwelt, dassja, wie wir bereits wissen, das Äussere immer nur Spiegelbild des Inneren ist. Je friedvoller, harmonischer und liebender wir im Inneren werden, desto mehr Frieden, Harmonie und Liebe werden wir im Äusseren erkennen dürfen. In unserem Inneren verändern wir die äussere Welt.
Gestern kamen meine Eltern aus Österreich zurück. Meine Mutter grollt mir noch immer, so dass sie auch meine beiden Tischdecken als Hochzeitstagsgeschenk nur widerwillig annahm. Ich habe noch viel bei ihr ins Lot zu bringen. Sie lässt sich nur von ihrem Verstand lenken, dem auch ihre Emotionen untertan sind. Gottseidank spricht sie wenigstens wieder mit mir, denn sie wollte doch unbedingt wissen, was ich am Wochenende 'angestellt' hätte, hatte sie doch, wie sie sagte, 'unheilvolle Ahnungen'. Und diese sah sie natürlich bestätigt, als ich ihr offenbarte, ich hätte mit Dir einen Wochenendausflugunternommen. Sie wollte auch gleich wissen, ob wir zusammen ein Zimmer geteilt hätten. Gut, dass ich ihr aufgrund des widerborstigen Wirtes die Wahrheit erzählen konnte. Vielleicht wird sie nun am Spitzingsee anrufen, um nachzuprüfen, ob wir wirklich zwei Zimmer genommen haben. Jetzt habe ich ausser jenem, dass ich eine Jüdin bin, auch noch ein neues Geheimnis vor ihr zu wahren, nachdem ich meinen Status als 'Jungfrau Maria' verloren habe. Aber die biblische Maria ist ja auch irgendwann entjungfert worden, dass sie doch mehrere Kinder gehabt hat. Der Jakobus zum Beispiel war doch ein Bruder Jesu. Und ausserdem war sie sowieso Jüdin. Also bin ich jetzt sogar eine viel echtere Maria als je zuvor... Soll ich ihm von meiner Wahrsagerin berichten? Nein, lieber nicht. Also ich werde früh Witwe werden, doch zwei Kinder wird er mir schenken. Ich werde ihm in seiner Kunst beistehen. Aber Frau Gabor hat doch gar nicht gesagt, dass Molar jener Künstler sei, den ich heirate. Vielleicht ist meine Begegnung mit ihm nur eine vorübergehende Liebesromanze und meinem ersten Ehemann werde ich erst noch begegnen. Nein, nein! Ich fühle es. Dieser Erste kann nur mein Hans Winfried sein. Meine Liebe zu ihm hat mich schon an ihn gefesselt. Ich werde ihm zugehören und die Mutter aller seiner Kinder sein. Was soll ich ihm nun weiterhin schreiben? Novalis. Ja gut. Ich werde erst noch das Büchlein aus meiner Tasche hervorholen. ... Ich habe gestern abend noch lange in Deinem Novalis-Bändchen gelesen. Dabei habe ich viel darüber nachgedacht, was er über den Dichter sagt: "Der echte Dichter ist allwissend - er ist eine wirkliche Welt im kleinen.“ Wenn ich, mein Geliebter, in Deinen Gedichten lese, dann spüre ich etwas von dieser All-Wissenheit, die durch Deine Verse vibriert. So mag es wohl sein, dass der Dichter immer versucht, die 'wirkliche' Welt ahnungsvoll darzustellen oder doch von ihr zu künden. Vielleicht sind Dichtungen immer nur Annäherungen an 'das absolut Reelle', obwohl Novalis von der Poesie behauptet, dass sie es schon sei. Für ihn scheint die Poesie überhaupt das Nonplusultra der Wahrheit zu sein, denn, so sagt er, 'je poetischer, je wahrer'. Vielleicht meint er auch, je unmittelbarer zu Gott, zur Liebe, zur höheren, sprich realen Welt, desto wahrer. Ja, ich behaupte, wahre Poesie ist Annäherung an das Höchste. Je näher, desto ver-dichteter. Und wenn das Gedicht schliesslich zu einem einzigen Wort zusammengeschmolzen ist, dann kann es nur 'Liebe' heissen. Und hierin würde mir Novalis bestimmt beipflichten, sind doch Gott und die Liebe bei ihm 'eins'. Für ihn ist "der echte Dichter ... immer Priester". Ja, das muss so sein, denn die Dichtung ist das Sprachrohr Gottes und also auch das der Liebe. Somit hat der Dichter das Amt, die Kommunikation zwischen Ihm und uns herzustellen.
Ich möchte dich bitten, einmal den nächsten Aphorismus aus dem aufgeschlagenen Büchlein zu lesen.
“Der wahre Leser muss der erweiterte Autor sein. Er ist die höhere Instanz, die die Sache von der niederen Instanz schon vorgearbeitet erhält.“
Wie du liest, bist du mir schon um einiges voraus. Du bist meine höhere Instanz.
Aber das ist doch paradox, weiss ich doch nur allzugut, dass ich dir noch hinterherhinke.
Das liegt an deiner Vorstellungskraft. Das, was ich als Autor mit dir erschaffe, kann deine Vorstellung bei* einer schöpferischen Vorstellung wieder sublimieren, ver-dichten, veredeln, wahrer werden lassen. Es ist nicht immer so, dass das Original der Wahrheit am nächsten kommt, sondern die Erhöhung, die Verinnerlichung, die Ver-dichtung ist es, welche die Wahrheit am unmittelbarsten widerspiegelt. Und solltest du einmal unser Buch wiederum ver-dichten, so würde ein von dir wiederum inspirierter Leser bei einem wiederholten Nachschöpfen unser Buch nochmals läutern, erhöhen, veredeln können. Die Vorstellung vermag alles. Die Dichtung ist immer nur eine Vorlage, ein Rohbau, ein Andeuten. Sie wird erst eigentlich zur lebendigen und somit wahren Dichtung, wenn der Leser sie aufgrund seiner Vorstellungskraft belebt. Doch was er ausdiesem Rohbau belebt, ist seine Sache. Und erweckt er davon nur die edelsten Andeutungen und sublimiert sie, so kann ein reproduziertes Vorstellungswerk durchaus von höherem Wert sein. Solltest du also einmal unser gemeinsames Werk reproduzieren wollen, so hoffe ich, dass du unseren Rohbau veredelst und diesem Buch eine deiner Vorstellung gemässe Erhöhung widerfahren lässt.
Als wir uns das erste Mal begegneten, fühlte ich sofort die ganze Tiefe unserer 'Zweisamkeit'. Hätte ich wohl sonst auf jenem Faschingsfest die Worte gesagt: "Mir kommt es so vor, als kennten wir uns schon seit langem." Wie sehr erstaunt war ich damals über mich selbst, dass ich auf Anhieb mit einem 'fremden Mann' so vertraut sein konnte. Die Gewissheit, dass wir uns seit Urzeiten kennen, ist sehr stark in mir verankert. Denn es liegt wohl ein besonderer Lebenssinn dahinter - wie er übrigens auch in Goethes “Wahlverwandtschaften“ deutlich hervortritt -, dass Menschen, die sich besonders innig verstehen, einander schon in einem anderen Erdenleben angehört haben oder sich sehr nahe gewesen sein müssen. Vielleicht werden wir einmal wissen, wer wir in früheren Leben gewesen sind. Der Tag, an welchem dies geschehen mag, wird gewiss ein Offenbarungstag sein.
Mein Liebster, verzeih, wenn ich vielleicht allzu Abstruses geschrieben haben sollte, aber es floss mir einfach so zu. Ja, ich will diesen Brief gleich einstecken, damit er noch vor Deiner Rückkehr in Meersburg auf Dich wartet und Dich mit meinen Küssen empfängt. Ich fühle stark in mir, wie Du mich ganz fest hältst. Es ist ein wundersames, erhebendes Gefühl. Zwei der schönsten herbstgefärbten Blätter 'unseres' Baumes werde ich mit Küssen bedecken und mit in den Briefumschlag stecken, damit sie meiner Lippen Stellvertreter bei Dir sein mögen. Ich liebe Dich. Komme bald wieder zurück zu Deiner Zauberin, die es nicht mehr erwarten kann, wieder selbst in Deinen Armen verzaubert zu werden.
Deine Dir ewig treue Maria
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