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Maria

Wie kann ein Dichter ohne Liebe leben?

Am Freitag, dem siebten Oktober, entkleidet sich unser 'gabenfreudiger' Poet in einem dem Hauptbahnhof Hannovers gegenüberliegenden Hotel.

Es ist schon spät. Ich bin hundemüde. Noch schnell die Zähne geputzt und dann hinein in die Federn! Vor vier Tagen habe ich München verlassen. Mein Glücksstern strahlt mir wieder. Ich verkaufe wie noch nie. Vielleicht sind es Marias Gedanken an mich, welche mir so viel Glück bescheren. Vielleicht ist es auch meine Liebe zu ihr, die mir so viel Selbstvertrauen bei meiner verteilenden Tätigkeit gibt. Ja, mein aushändigendes Dichteramt wird mir geradezu zu einer Freude. Wessen Herz voll Liebe ist, der scheint mit zwei Flügeln ausgestattet zu sein, die ihn befähigen, über alle auf Erden liegenden Schwierigkeiten flieghüpfend hinüberzugleiten. Ja, es kommt mir gleichsam vor, als ob ich Sprungfedern unter den Schuhsohlen hätte. Mein Drucker hatte mir auf die Schnelle noch zweitausend 'Gaben' gedruckt. Sie sind in den Zügen meine Vorhut. Zeigt sich jemand an meinen Gedichten sehr interessiert, so ziehe ich einen Band "Lebendiges Sein" hervor. Früher haben mich die Leute oft gefragt, ob ich denn schon etwas veröffentlicht hätte, und ich wies darauf hin, dass ich selbst die Veröffentlichung sei. Aber jetzt kann ich ihnen meinen Gedichtband vorweisen und ihn in gewünschter Manier signieren. Warum haben all die vielen am Hungertuch nagenden deutschen Dichter nicht ebenfalls daran gedacht, sich selbst zu veröffentlichen, indem sie sich dem Leser leibhaftig präsentieren? Ja, morgen fahre ich in Richtung Bodensee. Mit Torsten werde ich vielleicht in Koautorenschaft ein dichterisches Projekt beginnen. Er besitzt so viel an dichterischer Potenz, die ich unbedingt bei ihm wieder reaktivieren muss. Es darf der deutschen Sprache kein Dichter verlorengehen. Wir müssen durch die Macht der Dichtung den Menschen zu sich und seinem besten Kern führen. Hat er diesen gefunden, so mag er ihm vom Wasser der Liebe zu trinken geben, auf dass er keime und emporwachse, dem ewigen Liebelicht Gottes entgegen. (Er gähnt.) Ich springe jetzt ins Bett. Ja, im nächsten Jahr wird mein “Lebendiges Sein“ eine zweite Auflage erleben. Mein Vorrat zerfliesst wie Butter im heissen Sommersonnenstrahl.

Und während viele Menschenköpfe in heutiger Nacht zum Sternenzelt emporschauen, um die totale Finsternis des Mondes zu bestaunen, schlummert unseres Dichters Haupt auf seinem Kissen.

Können oder vielmehr dürfen wir ihm wieder 'nachtwandlerisch' begegnen?

Jawohl. Ich habe mir dafür etwas Besonderes ausgedacht, ist doch unser Sommertalorpheus für alles, was nach Grie-chischem schnuppert, besonders empfänglich.

Sollen wir nicht wieder in Versen und Reimen sprechen, um dem Allzu-Prosaischen eine wohltuende Abwechslung zu bescheren, was sicherlich den Reiz unseres Romans erhöhen dürfte?

Nun, auf denn! Reizen wir!

Und während sich der Mond verdunkelt,
Mondlicht auch in 'unser' Erdreich funkelt.
Im Traum erscheint uns alle Welt erhellt,
sei sie ins Äusserst´ oder Innerste gestellt.
So sitzen wir zwei, urmütterlich trunken,
ins Reich der Tiefe hinabgesunken,
und harren des Dichters auf Unterweltsthronen,
dessen Gedanken schon in den Träumen wohnen.
Und unseres Geistes Bindekraft
fesselt den Schläfer,
nimmt ihn in Haft.
Doch wird er frei uns zugeführt,
wie´s freiem Dichtergeist gebührt.

Molar:
Wo bin ich?

Hades:
Du bist im Unterreich der Erden,
im Keim des unbewussten Seins.
Denn hier entsteht das Kommen und das Werden
und das Verschmelzen mit dem Eins.

Persephone: Durch uns geht's zu elysischen Gefilden,
wo jeder sich in Liebe naht.
Durch uns geht's auch zu Tartars Gründen
hinab, wo Pein und Not sich finden.

Molar: Dann seid ihr zwei, wenn ich es recht betrachte,
das Paar, das allem Erdensein entgegensteht,
seid Herrscher dieser untren Sphären,
die stets ein Kommen, kein Zurück gewähren.

Hades:
Zurück geht man von hier in anderer Gestalt,
nachdem der Geist vom Lethefluss getrunken.
Zurück kehrt man in andre Zeit,
wenn neues Sein dem neuen Tag gewunken.

Persephone: Denn selbst kehr' ich zur Erde wieder,
mit jedem Frühling steige ich hinauf.
Verkörpre somit Auf und Nieder
im ewig wechselnd' Jahreslauf.

Molar: So ich es recht versteh',
bist Demeters Tochter, Persephone.
So hab' ich die Ehre, vor Hades zu stehn
und ihm die Gattin zur Seite zu sehn.

Hades:
Was du dir vorstellst,
hast du wahr erfasst.
Doch sind wir mehr,
als was du uns betrachtest.

Persephone: Wir sind dein unbewusstes Sein,
das dich auf deinem Höhenflug begleitet,
dich auch im Traum hierhergeleitet.

Hades: Wir sind dein unbewusstes Innen,
aus dessen weitem Dichterland
dir tausend Zukunftsströme rinnen.

Persophone: Wir haben dich hierhergebracht,
damit in traumverklärter Nacht
dir Wissens Weisheit werde.

Molar: So sagt mir gar doch, was mir fehlt,
was mir noch mangelt auf der Erde,
auf dass ich reich von dannen zieh'
und Menschen helf' durch Dichtermüh'.

Hades:
Dir fehlt der Blick in Abgrunds Tiefe,
zu Sternen hatt'st du nur geschaut.
Einseitig ist dein Dichterwerk gebaut.

Persephone: Dir fehlt die Schattenseite allen Lebens,
vom Tode hast du nichts gesagt,
Dein Dichterwerk am Ganzen kargt.

Molar: Wie? Soll ich mich dem Tod verschwören,
auf dass die Menschen nichts als Tod noch hören?
Gab´s nicht in jenen letzten Jahren
Menschenmorde in Millionenscharen?
Soll denn der Dichter nur von Grauen sprechen,
wo alle Welt vom Tode spricht?
Sollt' er denn nicht mit Düsternissen brechen,
verkünden: Liebe, Leben, Licht?

Hades:
Wir reden nicht vom Tod als Grauen.
Wir meinen Tod, um hinter Tod zu schauen.

Persephone: Der Tod ist Quelle allen Lebens,
als Quelle ist er niemals tot.
Die Menschen Tod als Ende sehen,
dies ist der Ursprung ihrer Not.

Molar: Ich will den Menschengeist von Angst erlösen,
befreien ihn aus aller inneren Not,
erfüllen ihn mit Menschenwürdewesen.
Nun sagt, was steht dem Dichter zu Gebot?

Persephone:
Wer Dichter ist, muss vieles missen,
was Tageswelt an Freuden hält.
Er wird in Labyrinthen irren müssen,
ohn' Klagen gar, ob's ihm gefällt.

Hades: Wer Dichter ist, muss vieles wissen
und vieles künden, was der Welt missfällt.
Ist er doch ihr Vorhergewissen,
Gewissen, das der Welt die Ford'rung stellt.

Persephone: Wer Dichter ist, muss Leid ertragen,
muss stark und fest gerüstet stehn.
Er muss um Leides Lösung fragen
und selbst hinab zum Orkus gehn.

Hades: Wer Dichter ist, soll von der Wahrheit künden,
soweit sie sich dem Sucher offenbart.
Doch alle Wahrheit, abgetrotzet Gründen,
Geheimes im Geheimnis wahrt.

Persephone: Wer Dichter ist, muss anderen Hilfe bringen,
muss Diener, Priester, Demut sein.
Nur durch Bescheidenheit soll's ihm gelingen,
die Wahrheit für die Welt zu frei'n.

Hades: Wer Dichter ist, muss Liebe geben,
muss, Liebe gebend, dichtend Liebe sein.
Denn Lieb' allein kann Herz und Sinne heben
und Schlüssel aller Himmel sein.

Molar: Von Liebe kann ich wahrlich künden,
bin ich der Liebe Unterpfand.
Mit Lieb' will ich mich stets verbinden,
mit Liebe öffnen Herz und Hand.

Eurydike ist mir auf Erd' erschienen,
sie ist mit Leib und Seel' mir zugetan.
Gemeinsam wolln wir Gott in Demut dienen,
und Liebe geh´ als Leitstern uns voran.

Hades:
Doch sag, wie würd'st du dich verhalten,
wenn du gestellt wärst vor die Wahl:
Eurydike als Weib dir zu erwerben
oder - dem Orpheus gleich -
unsterblich ruhmbekränzt zu sterben?

Molar: Wie kann ein Dichter ohne Liebe leben,
wie ohne Liebe Sänger sein?
Zusammen wolln wir uns der Lieb' ergeben,
zusammen uns mit Lieb' den Menschen weihn.

Hades:
Versteh uns recht. Wir reden nicht von Kompromissen.
Wir möchten klipp und klar von dir jetzt wissen,
ob du um Menschendienstbarkeit und Demut willen
bereit bist, folgend' Antrag zu erfüllen:
Auf Lieb' und Gegenliebe zu verzichten,
um Dichteramt mit Priesterwürde zu verrichten?

Molar: Die Frage kann die Liebe nur erwidern,
die mir mein ganzes Sein durchglüht.
ohn´ Liebe müsst' als Dichter ich erblassen.
Drum kann ich von der Liebesliebe
auch um der Dichtung willen niemals lassen.

Hades:
Du stellst die Liebe zur Geliebten
dem Dichteramt voran.
Mit dieser Liebeswahl
ist Dichterruhm vertan.

Molar: Auch Orpheus wurd´ vor langen Zeiten
doch erst durch seine Liebe gross.

Hades:
Durch Tod der Geliebten! Das war sein grosses Los.
In ew'ger Sehnsucht nach Liebe und Schöne
wachsen dem Dichter poetische Früchte.
Doch Liebeserfüllung macht sie zunichte.

Die Dichtung ist ein launisch' Wesen,
ergibt sich nur, wer ihr ergeben
und ganz sich ihrer Anmut weiht.
Solang der Dichter sie verehrt, besingt,
symbolverbrämt in irdisch-göttlichen Gestalten,
wird sie sich ihm in Lieb' entfalten
und ihre Gaben reichlich spenden
mit liebevollen Weisheitshänden.
Doch will er gar im Weib die Dichtung frein,
so wird sie eifersüchtig, kann nicht verzeihn.
Der Dichtung Strom wird nicht mehr fliessen,
und keine Dichtertat wird ferne Zeiten grüssen.

Persephone: Drum frag' ich noch mal dich: Entscheide!
Soll Poesie mit Lorbeerkranz dir winken,
Elysium mit Küssen dich begrüssen,
oder willst du vor Marie darniedersinken,
im nachhinein für Dichteruntreu büssen?

Molar: Die Liebe zu Marie ist übermächtig gross.
Nein! Von dieser Liebe lass ich niemals los.

Hades: So kehre denn zurück zu Federbett und Erdenwonnen,
verfolge weiterhin, was du begonnen.

Persephone: Wenn dir auch Dichterglanz
und Weltenruhm entschwinden,
werd' ich dir doch den Liebeslorbeerkranz
mit Freuden binden.

Und während Molar nun dem Mondenglanz entgegenwindet,
der widerscheinend nächtlich wieder scheint,
auch wir dem Unterweltentraum entschweben,
um uns aus innerst' wohlbewahrter Fülle
hinaufzuheben auf die Erdenhülle.

Autor: Nun sollst auch du mir Antwort stehn,
mir unumwunden sagen, frank und frei:
Wolln wir seinen Wunsch vollführen
oder weichenstellend arrangieren,
auf dass Molar der Dichtung Liebling sei?
Denn sollte ihm Maria sterben,
soll Dichtertrauer Dichterkron' ererben.

Leser: Du willst ihm die Geliebte rauben,
gar morden um der Dichtung willen,
um Dichterdasein dicht'risch zu erfüllen?
Was bist du für ein Mordgeselle?
Zum Tod will ich die Hand nicht reichen,
müsst' ich auch als Begleiter weichen!

Autor: Wir können nur verfügen, wie bereits verfügt.
Des Autors Wirken im Erfüllen liegt.

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Page revision: 20-07-2007
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