| Drei Tage nach Marias Verkündigung ihres Übertrittsentschlusses ist es endlich soweit. Noch vor Anbruch der Morgendämmerung verlassen Vater und Tochter das Pastorenhaus und gehen in Richtung jenes fünf Kilometer entfernten Nachbardorfes. An der dem Dorf vorgelagerten Brücke wollen sich die beiden, wie verabredet, mit dem Rabbiner und dessen Frau treffen. Pastor Heger, der es sich wie sein Kollege aus dem Nachbardorf nicht nehmen lassen wollte, diesem "Geburtsakt" beizuwohnen, wird, dass ihm der weite Weg zu Fuss seiner Prothese wegen zu beschwerlich ist, mit dem Fahrrad nachkommen. Und Vater und Tochter schreiten der Brücke schweigend entgegen. Er hat sein einziges Kind bei der Hand gefasst: Heute ist der grösste Tag meines Lebens. Ich bin so aufgeregt. Meine Frau darf natürlich von alledem nichts erfahren. Sie würde Marias Entschluss nicht verstehen können und würde mir ewig grollen, dass ich den schriftlichen Ehevertrag gebrochen und ihre Tochter zu meinem Glauben geführt hätte. Es ist gut, dass wir alle heute zu so früher Stunde aufzubrechen beabsichtigten. So werden wir und die Krakauers doch wenigstens nicht von einem unserer Dorfpolizisten nach unserem Wohin und anderem gefragt. In meinem Dorf kennt mich natürlich der Polizist unter dem Namen Altmann. Für ihn bin ich, wie ihm der Pastor erzählte, dessen Kriegskamerad aus dem ersten Weltkrieg, der seines leidenden Herzens wegen bei ihm aufgenommen wurde. Aber die Krakauers sind von ihrem Polizisten noch nicht entdeckt worden. Jener soll ein gemeiner Schnüffler sein, vor dem auch wir uns verstecken müssen. Schon zweimal hat er Versteckte aufgestöbert und festgenommen. Leider müssen der Rabbiner und seine Frau wohl bald wieder auf Wanderschaft gehen, denn zu lange können sie selbst im Dachkämmerchen des Pfarrhauses nicht verborgen bleiben. Im Dorf spricht sich alles schnell herum. Krakauers werden deshalb auch den ganzen Tag über im Wald versteckt bleiben müssen und erst nach der Abenddämmerung zurückkehren können. Mit Pastor Heger hören wir heimlich den Feindsender. In England wimmelt es nur so von amerikanischen Soldaten. Wahrscheinlich bereiten sie sich auf eine Landung an der Festlandsküste vor. Wenn sie doch nur bald kämen. Ich bete jeden Tag zu Gott darum. Der deutschen Feinde sind unsere Freunde, und unsere Freunde sind ihre Feinde. Von ihnen erwarten wir die Erlösung aus diesem nervenaufreibenden Gehetztwerden und Auf-der-Lauer-Liegen. In jedem Unbekannten, der uns begegnet, müssen wir einen möglichen Feind sehen. Hinter jedem Baum könnte ein Polizist hervortreten und plötzlich sagen: "Ihre Papiere bitte!" Vor einigen Wochen hatte ich den ersten Herzanfall. Wer weiss, ob ich den nächsten überleben werde. Aber heute, wenn meine Maria zu unserem Glauben übergetreten sein wird, will ich dem Herrn für dieses Wunder danken und Ihm sagen, dass ich nun keine Furcht vor dem Entdecktwerden mehr haben will und, wenn es sein soll, meinen Kopf willig auf die Schlachtbank legen werde, wenn dafür meiner geliebten Tochter nie etwas zuleide geschieht. Und als die beiden die Konturen der Brücke in der schwangeren Finsternis erkennen können, bekommen sie einen alle Glieder durchfahrenden Schreck, denn aus der nebeldämmerdunklen Brückenwand löst sich eine Gestalt und kommt auf sie zu. Doch jener furchteinflössende Schatten raunt sogleich durch die matte Düsternis: "Sind Sie es? Ich bin Pastor Jacobi!" Hirschfelder: Ja, wir sind es! Und der Pastor naht sich ihnen, reicht beiden die Hand und sagt: "Herr und Frau Krakauer sind schon dort weiter unten am Fluss und bereiten alles vor. Frau Krakauer wird uns bald von hier abholen. Ja, dort sehe ich auch ein Fahrrad nahen. Das wird unser braver Heger sein." Und so ist es. Der ankommende Pastor steigt vom Fahrrad und begrüsst seinen Kollegen - Maria und Vater Hirschfelder war er schon im eigenen Hause begegnet. Er nimmt einen Korb und ein eingewickeltes Bündel von seinem Gepäckträger herunter, in welchem sich, wie vermutet, einige freudige Überraschungen befinden. Es ist jetzt etwas heller geworden. Nun sehen sie, wie aus dem Schilf des Flussufers Frau Krakauer hervorkommt. Die vier Wartenden gehen ihr somit auf einem Pfad entgegen. Einem jeden drückt sie die Hand zum Gruss. Pastor Jacobi trägt den Korb, während Pastor Heger der Rabbinerfrau das Paket überreicht, das diese mit nickender Gebärde, welche Maria davon kündet, dass jene den Inhalt schon kennt, entgegennimmt, woraufhin ihr die vier durch das Schilf auf eine dahinter befindliche Lichtung folgen, die von dem Schilf zur Rechten, Haselnusssträuchern zur Linken und weiterem Schilf nebst Weiden und Pappelbäumen zum Flussufer hin umgeben ist, während die Hinterseite über eine ansteigende Wiese den Blick zum nahegelegenen Wald hin eröffnet. Die Natur ist mit einem Schleier aus Tau überdeckt und blinkt die im Morgennebel geheimnisvoll versammelten Menschenkinder an, die jetzt den Rabbiner begrüssen, der freudigfeuchten Auges Maria umarmt. Herr und Frau Krakauer haben inmitten dieser wiesennassen Lichtung mit abgebrochenem Weidengrün einen etwa zwei Meter grossen Kreis ausgelegt, der zum Fluss hin einen von zwei aufgerichteten grünenden Ästen geschmückten Eingang geöffnet hält. In der vorderen Kreismitte liegt ein kleiner Teppich ausgebreitet, vor dem - also etwa genau auf der Halbkreisdiagonalen - sieben weisse Kerzen im feuchten Boden stecken. Maria ist in die vorzunehmende Zeremonie eingeweiht worden. Keinerlei Worte sind mehr vonnöten. Gebärdensprache und Blicke regeln vorerst alle weiteren Ereignisse. Maria reicht den beiden Pastoren zum "Abschied" noch einmal die Hand und folgt dann der Rabbinerfrau durch das hohe Schilf dem Fluss zu. Dort, den Blicken der vier zurückgebliebenen Männer entzogen, kleidet sie sich ganz aus und legt ihre Kleider auf die morgennassen Schilfstengel, die sich unter der Last nach unten biegen. Dann steigt sie, vorsichtig mit den Füssen nach einem Halt tastend, in die Strömung des Wassers hinein. Nun steht sie bis zum Bauchnabel im Fluss. Jetzt zieht sie die Knie ein und verschwindet, wie vorgeschrieben, mit Haupt und Haaren unter der Wasseroberfläche, so dass die Wasserflut auch jeden Teil ihres Körpers umspült und sie von ihrer christlichen Vergangenheit "reinigen" kann. Dreimal taucht sie unter. Jetzt steht sie wieder in der gurgelnd rieselnden Strömung und bahnt sich mit ihrem Unterleib durch die Wassermengen. Ihre schwarzen triefenden Haare hängen über Schultern und Brustkorb bis zu den Ellenbogen herab, die sie über ihre Brüste verschränkt hält. Frau Krakauer steht mit einem mitgebrachten Handtuch am Ufer und ist der "Neugeborenen" beim Abtrocknen behilflich. Dann entnimmt sie dem ihr von Pfarrer Heger übergebenen und nun ausgebreitet daliegenden Paket frische Unterwäsche und einen Büstenhalter und stülpt der Nasshaarigen, deren Augen jetzt wie Flammen leuchten, ein wunderbar gewirktes, langes blaues Kleid über, auf welches Blumen in mannigfachen Farben gestickt sind. All diese Sachen hat Pastor Heger - mit der letztlich erwirkten Zustimmung seiner Frau - den Kleiderschränken seiner beiden Töchter entnommen. Maria besieht sich in ihrem festlichen Kleid. Sie nimmt nun den ihr dargereichten Kamm entgegen und streift noch eingenistetes Nass aus den Strähnen ihrer Haarfülle. Nun kniet sie auf Zeichen der Rabbinerfrau vor dieser nieder, und jene zieht ihr einen Scheitel über die Mitte des Hauptes, so dass die Haare gleichmässig über beide Schultern herabfallen. Frau Krakauer legt daraufhin die abgelegten Kleidungsstücke über ihren Arm und behält auch der Barfüssigen Schuhe in der Hand, dass diese jene mit der Bemerkung zurückgewiesen hatte, dass Gott seine Menschenkinder immer unbeschuht zur Welt kommen lasse. Dann biegen die beiden mit Händen und Ellenbogen die Schilfhalme auseinander und bahnen sich ihren Weg zurück zur Lichtung.
Rabbi Krakauer zündet, als er das Knacken im Geschilf vernimmt, die sieben Kerzen an, zerrt aus seiner Jackentasche eine am Vorabend von seiner Frau gefertigte schwarze Kippa (Hütchen) und stülpt sie über sein Haar. Nun schreitet er der ihm von seiner Frau Zugeführten entgegen, nimmt deren Hand und geleitet die "Neugeborene" durch das den Eingang markierende Grün in den leuchtenden Kreis, wo Maria vor den Kerzen auf dem weichen kleinen Teppich niederkniet. Der Rabbi geht um sie herum und stellt sich, ihr zugewandt, vor ihr auf. Er schliesst jetzt seine wieder feuchtgewordenen Augen und singt halblaut, um nicht unabsichtlich Uneingeweihte herbeizulocken, einen Psalm des Königs David. Zur Rechten des Kreises stehen die beiden Pastoren, zur Linken Herr Hirschfelder und Frau Krakauer. Ihnen allen ist sehr feierlich zumute. Sie haben nasse Augen. Bei Herrn Hirschfelder rollen gar die Tränen über die Backen hinunter. Sie alle haben ihre Hände zusammengefügt oder übereinandergelegt. Und Pastor Heger spricht ein stilles Gebet: Herr, ich weiss, dass Du jetzt in dieser Stunde zugegen bist. Lasse Deinen Segen über Maria ruhen. Behüte und beschütze sie in Ewigkeit. Lasse Dein Antlitz leuchten über ihr und gib ihr Deinen Frieden. Amen.
Vater Hirschfelder: Grosser Gott und Herr! Ich danke Dir von ganzem Herzen, dass Du mich noch in diesem Leben mit einer neuerstandenen Tochter erfreust. Möge sie Dir in allem geweiht bleiben und mit ganzem Herzen Dir und Deiner urewigen Liebe dienen. Amen. Jetzt legt der Rabbi seine beiden Hände auf das Haupt der vor ihm Niederknienden und spricht: "Herr! Nimm Dein neugeboren Kind in Deine Arme. Deine Tochter hat zurückgefunden zu Dir als dem Einzig-Wahren. Sie hat zurückgefunden zu dem Abraham und Moses durch Dich verkündeten Glauben. Meine liebe Tochter! Finde in dem Glauben unserer Väter deine neue Wohnung. Von nun ab sollst du Mirjam heissen, denn du bist eine Sarah, eine Fürstin geworden. Jewarechecha Haschem wejischm’recha Ja’er Haschem panaw elecha wichunecka Jissa Haschem panaw elecha w’jassim lecha schalom." Und Rabbi Krakauer beugt sich jetzt über die Kerzen hinweg zu ihrem Haupte nieder und drückt ihr einen Kuss auf die Stirne. Dann sagt er: "Mirjam, stehe auf und schreite als Neugeborene hinaus in dein neues Leben!" Er fasst die schwarzhaarige "Fürstin" bei der Hand, führt sie aus dem grünen Kreis hinaus und geleitet sie ihrem Vater zu, der sie an seine Brust drückt und nun sein Schluchzen nicht mehr zurückhalten kann: "Meine liebe Tochter! dass ich diesen Tag noch erleben durfte, macht mich zum glücklichsten aller Menschen." Und die neue Sarah löst sich vom Vater, woraufhin sie von Frau Krakauer umarmt und geküsst wird. Dann schreitet sie stolz erhobenen Hauptes wie eine wahre Fürstin um den Kreis herum auf jene zwei wackeren Kirchenmänner zu, bückt sich vor ihnen nieder und küsst ihre Schuhe. Und als sie sich wieder aufrichtet, nimmt Pastor Heger sie in seine Arme, bringt aber kein Wort über die Lippen, denn er weint wie ein Kind vor fassungsloser und erschütternder Freude, ganz der Gegenwart des Göttlich-Übermächtigen inne. Und nachdem Rabbi Krakauer sie wieder umarmt hat, nimmt der Vater die noch immer Barfüssige bei der Hand. Sie wenden ihre Schritte über die sich nach oben erstreckende Wiese dem Wald zu, in welchem man, vor unliebsamen Überraschungen verborgen, einen Festimbiss zu sich zu nehmen gedenkt, der von Pastor Heger in jenem Korb vorsorglich mitgeführt wurde. Frau Krakauer entfernt das verräterische Gezweig, sammelt die ausgepusteten sieben Kerzen ein, die sie ihrem Pastor übergibt, und rollt den Teppich zusammen, den nun ihr Mann, der seine Kippa wieder abgesetzt hat, unter den Arm nimmt und dann den beiden Vorausgegangenen folgt. Die Sonne ist soeben hervorgekommen und schickt nun ihre Strahlen über die ihr Licht widerfunkelnden abertausend Perlen, die an den Gras- und Blumenhalmen, den Blättern, Blüten und Zweigen morgendlich feucht glitzern. Rabbi: dassgehen die beiden dahin, wie einst unser Abraham seinen Sohn Isaak nach Hause geführt haben mag. Dem Vater wurde zum zweitenmal sein Kind geboren. Gelobet sei der Herr!
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