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Lilia

Was haben wir Dir Böses getan?

Maria und ihr Vater sitzen im November des Jahres 1943 unter einem Baum im Walde.

Vater: Jetzt sind wir schon bald anderthalb Jahre auf der Flucht. Wie lange soll das noch andauern? Wenn du, mein Liebes, mir nicht so aufmunternd zusprechen würdest, hätte ich mein Leben schon beendet.

Maria: Pastor Zülichau hat uns doch gesagt, dass nach Meldung der "Feindsender" die Amerikaner in Italien immer mehr an Boden gewinnen. In einigen Monaten werden unsere Befreier hier sein. Dann ist der ganze Naziterror vorbei. Bis dahin müssen wir noch durchhalten.

Vater: Unsere Situation verschlimmert sich von Tag zu Tag. Ständig müssen wir Angst haben, entdeckt zu werden. Wenn ich aufgefordert werden sollte, meine Kennkarte vorzuzeigen und ich dem nicht nachkommen könnte, würde man mich sogleich abführen und als Juden entlarven. Man hört ja jetzt einige schlimme Dinge, die mit den Juden in Polen passieren sollen. Aber noch habe ich keinen Beweis.

Maria: Wir haben von einem Pastor die Adresse eines Apothekers erhalten, der bereit ist, uns für drei Tage aufzunehmen und zu verstecken. Aber als wir ihn in der Apotheke aufsuchten, war er sehr nervös und sagte, wir sollten besser erst nach zehn Uhr abends zu seinem Haus kommen, dass der Mann seiner Wirtin - einer von der SS - plötzlich auf Urlaub gekommen sei, der uns auf keinen Fall sehen dürfe, um eventuelle Unannehmlichkeiten auszuschliessen. Ja, wir werden hier mit leerem Magen und in der kalten Luft, jedoch in der Geborgenheit des Waldes, bis zum späten Abend ausharren müssen. Es ist ja nicht das erstemal, dass wir uns solch einer entbehrungsreichen Situation ausgesetzt sehen. Wir befinden uns in ständiger Angst vor dem Entdecktwerden. Ich muss oft all meine Kräfte aufbieten, um meinem Vater die düsteren Stimmungen zu vertreiben. Er sagte mir wiederholt, dass er am liebsten gleich Ende 1938 mitverhaftet worden wäre, dann brauchte er sich doch wenigstens nicht mehr zu verstecken und wäre in der Gesellschaft seinesgleichen. Was Hitler mit den Juden in Polen machen soll, kann und will ich auch nicht glauben. Das darf nicht wahr sein. Wir leben doch in einem aufgeklärten Jahrhundert, das als solches auf dem Weg zur Humanität Fortschritte zu verzeichnen hat. Oder bedeutet Hitler wieder einen Rückschritt oder gar einen Neubeginn, so dass die Menschheitsentwicklung von der Barberei bis zur Humanität wieder von vorne beginnen muss? Ich darf meinen Glauben an das Gute im Menschen nicht aufgeben. Viele edle Menschen voll der reinsten Nächstenliebe durfte ich in diesen Fluchtjahren kennenlernen. Das Wissen um solche edle Seelen ist auch ein Schatz, den ich nicht missen möchte. Vater!

Vater: Ja, mein Kind!

Maria: Letzte Woche bist du mit deiner Erzählung über die Leiden des jüdischen Volkes bei Friedrich dem Grossen stehengeblieben. Wenn es dir recht ist, würde ich heute gerne das Ende davon hören.

Vater: Ja, mein Liebes. Ich hatte dir schon die drei grossen Ereignisse angekündigt, die das Ende "unseres" Mittelalters einläuteten. Moses Mendelssohns Geburt war das erste. Jener wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf. Seine Muttersprache war Jiddisch, dassja die armen Juden unter sich und in Abgeschirmtheit leben mussten und in keinen engeren Kontakt mit der übrigen Bevölkerung und deren Sprache kommen konnten. Aber der junge Moses lernte eifrig die deutsche Sprache durch Selbststudium. Er wurde ein sehr gebildeter Mann, der, selbst als er schon berühmt war, den Leibzoll für Juden, der sonst nur für Tiere erhoben wurde und dessen Betrag bewusst dem des "Schweinezolls" entsprach, an dem einzigen Toreingang zu Berlin, der uns zu passieren erlaubt war, noch zu entrichten hatte. Der Dichter Gotthold Ephraim Lessing lernte Mendelssohn kennen und schätzen. Er schrieb ein Drama, "Die Juden", das einen selbstlos handelnden Sohn Israels von edelster Gesinnung darstellte. Dies löste in der Gelehrtenwelt allgemeine Entrüstung aus, dass es doch "abgemachte Sache" war, dass der Jude nur ein "Tier" und zu keiner edlen Gesinnungstat fähig sei. Mendelssohn sagte einmal, dass das Volk der Christen uns von jeher als den Auswurf der Natur, als Geschwüre der menschlichen Gesellschaft angesehen habe. Als man in Lessing drang, doch auch nur "einen" Juden von edler Gesinnung zu nennen, wies er auf Moses Mendelssohn, der 1755 mit seinen "Philosophischen Gesprächen" das erste Buch eines Juden in deutscher Sprache verfasst hatte. Als jener zwölf Jahre später seinen "Phaedon" schrieb - eine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele -, wurde dieser zu einem Bestseller, der auch in anderen Sprachen Übersetzungen fand. Der kleine Jude aus Berlin war plötzlich eine Berühmtheit geworden und wurde von vielen als der "deutsche Plato" bezeichnet. Sein Haus wurde bald zum Treffpunkt der geistigen Elite aus nah und fern. Friedrich der Grosse erklärte zwar Mendelssohn auf Drängen von Freunden zum "Schutzjuden auf Lebenszeit", verbat aber seiner Akademie der Wissenschaften, ihn zum Mitglied zu erheben, dass er diese nicht "verunstaltet" sehen wollte. Die grösste Tat durch diesen neuen "Plato" geschah aber, als er die fünf Bücher Mose - zum Unwillen der Rabbiner - ins deutsche übersetzte und die Juden auf diese Weise mit der deutschen Sprache vertraut machte. Mendelssohn wurde so zum Vater des sich bald ausbreitenden jüdisch-deutschen Schriftstellertums, dessen Produktivität sich mit ungeahnter Vehemenz kundtun sollte. Zu dieser Zeit wurde in Goethes Geburtsstadt in der Judengasse, dem Ghetto Frankfurts, der erste nach Mendelssohn zu Berühmtheit gelangende jüdische Schriftsteller deutscher Sprache geboren - Ludwig Börne. Tausende von Juden waren dort in Elendsquartieren aufs engste zusammengepfercht. Die meisten trauten sich der vielen Schikanen ihrer christlichen Mitbürger wegen nicht, ihre Gasse zu verlassen, welche tagsüber von einem wahren Knäuel von Leibern belebt wurde, dassman dort zumeist auch dem Schneiderhandwerk und anderen Fertigkeiten nachging. Um überhaupt Bürger in ihr Revier zu locken, d. h. Geld zu verdienen, mussten die jüdischen Handwerker mit ihren Preisen unter denen der Zünfte bleiben. Trat ein Jude aus seinem Ghetto heraus, konnte es passieren, dass ihm ein Christ zurief: "Mach Mores, Jud!" Und sofort hatte jener, wollte er nicht mit Tritten und Schlägen bedacht werden, ehrerbietigst seinen Hut zu ziehen. Wir Juden mussten ständig um die Gunst der anderen betteln und uns demütig und bescheiden geben, um nur nicht den Unwillen eines Christen zu erregen und ihm dadurch möglicherweise Anlass zu geben, an uns sein Mütchen zu kühlen. Wir wurden ängstlich, verzagt, standen in geduckter Haltung, rieben uns oft die Hände, was psychologisch als eine Reaktion des Schutzsuchens und der Unsicherheit anzusehen ist, und ernteten damit natürlich nur erneuten Spott und Hohn. Unsere Ärmlichkeit, die in den abgemagerten Gesichtern oder den lumpenhaften Kleidungsstücken zum Ausdruck kam, tat ein übriges. Der Bürger sah sich, so er uns begegnete, in all seinen ihm von Kindesbeinen an eingeimpften Vorurteilen bestätigt. Spottbilder an Kirchen und Stadttoren leisteten diesem antijüdischen Komplex Vorschub. Die "Judensau", an deren Zitzen sich die Juden ihre Nahrung saugten, war ein beliebtes Bild, das vielerorts - jedermann zur Stabilisierung seiner Vorurteile sichtbar - aufgehängt war. Auch Goethe wuchs mit diesen Vorurteilen auf. Aber es gelang ihm, sie mit der Zeit abzubauen, so dass er später einmal von Rachel Levin, verheiratete Varnhagen, sagen konnte, sie sei das, was er eine "schöne Seele" nennen möchte.

Maria: Jetzt kommen mir vor Rührung die Tränen. Um wieviel mal mehr liebe ich dich jetzt, mein geliebter Goethe. Du warst wirklich ein grosser Mensch. Ja, auch ich möchte danach streben, stets eine "schöne Seele" zu sein. Vielleicht begegne auch ich einst einem Dichter, und es ist mir erlaubt, ihn damit zu erfreuen.

Vater: Das zweite grosse und für uns bedeutsame Ereignis war die Unabhängigkeitserklärung der neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1776. Darin wurden zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte allen Menschen die gleichen Rechte eingeräumt, was auch uns Juden mit einschloss. Seitdem ist Amerika für viele Verfolgte und Ausgewanderte unseres Stammes zum zweiten "Gelobten Land" geworden. In den Vereinigten Staaten konnten wir uns frei entfalten und Grosses vollbringen zum Nutzen aller Bürger, was manchen Präsidenten dazu veranlasst hat, uns in höchsten Tönen zu loben.

Das dritte grosse Ereignis für uns war die Französische Revolution von 1789, deren Verfassung die Unabhängigkeitserklärung des Thomas Jefferson in vielem kopierte und allen Bürgern die Gleichberechtigung zusprach. Jetzt wurden die Juden überall, wo die Revolutionsheere hingelangten, aus ihren vielen Einengungen befreit. Selbst Napoleon stellte sich der Befreiung der Juden nicht entgegen, so dass wir in seinem gesamten Kaiserreich, das sich bald von Italien bis an die Elbe erstreckte, aus unseren Ghettos und Judengassen hervorkommen konnten und uns überall, sogar in den bis dahin für Juden verbotenen Bremen und Lübeck, ganz nach Wunsch niederlassen durften. Die Mauern des römischen und anderer Ghettos wurden geschleift. Endlich, endlich war es soweit! So dachten wir damals. Sogar Preussen erliess ein Edikt zur Gleichberechtigung der Juden. Wir konnten Lehr- und Schulämter und sogar Gemeindeämter bekleiden. Wir durften wieder unseren Bart scheren, durften jetzt durch alle Tore Berlins - statt des uns bisher zugewiesenen einen - ungehindert ein und aus gehen. Und als der König zu den Waffen rief, meldeten wir uns wie die eifrigsten Patrioten zum Militärdienst und taten uns in den Befreiungskriegen rühmlich hervor, so dass dreiundzwanzig der Unsrigen zu Offizieren befördert wurden und weitere zweiundsiebzig das Eiserne Kreuz empfingen.

Aber sobald Napoleon besiegt war, kehrte mit der Restauration in Preussen, Österreich, Italien und anderswo alles zum alten zurück. In Italien wurden die Ghettomauern wieder hochgezogen, Wien erteilte seinen zehntausend jüdischen Bürgern nur eine zweiwöchige Aufenthaltserlaubnis, so dass diese genötigt waren, entweder auszuwandern oder sich zu verstecken oder sich eben alle zwei Wochen eine teuer zu bezahlende Verlängerung ihrer Aufenthaltsbewilligung zu erstehen. Preussen zahlte all seinen Kriegsinvaliden eine Rente, nahm die Juden davon jedoch aus. Nebst vielem anderen wurde auch unsere Freizügigkeit beschränkt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie niedergeschlagen wir alle waren. Noch vor wenigen Jahren hatten wir vor Freude gejauchzt, und jetzt waren wir ins barbarische "Mittelalter" zurückgestossen worden. Kein Jude durfte mehr in öffentlichen Anstalten unterrichten.
Überall wurde uns vorgehalten, dass wir uns nicht taufen liessen - denn dann hätten wir wieder volle Bürger werden können. Viele der Unsrigen haben sich aus Verzweiflung - um ihre schon einmal genossenen und ausgeübten Rechte nicht wieder zu verlieren - taufen lassen. Zu ihnen gehören die Familie Mendelssohn, Rachel Varnhagen, Ludwig Börne, die Eltern von Karl Marx und von Heinrich Heine. Aber nach den Reaktionen der Restaurationszeit, die es in Würzburg und anderswo zu den hässlichsten Pogromen kommen liess, die in der "Splitterwoche" - dem Pendant zur Kristallnacht - über Deutschland verheerend wüteten, gärte in den von der Obrigkeit bevormundeten deutschen der Wunsch nach einer parlamentarischen Verfassung, nach einer Demokratie ähnlichen Stils, wie sie in Amerika existierte. Das Frankfurter Parlament von 1848 forderte Gleichheit für alle, auch für die Juden. Diese wurde in den nächsten Jahrzehnten endlich in den meisten Ländern Europas Wirklichkeit, so in Preussen, dann im neuen deutschen Reich, in Österreich-Ungarn, in Italien, während sie in Frankreich und Holland schon seit den Tagen der Französischen Revolution beibehalten worden war. In England war der erste Jude im Parlament zugelassen worden, und bald darauf wurde Benjamin Disraeli der erste jüdische Premierminister und trug zugleich das Seine dazu bei, dass Grossbritannien zur ersten Weltmacht aufstieg. Nur in Russland waltete für uns weiterhin das finsterste Mittelalter. Aber darüber will ich dir lieber nichts erzählen, denn ich habe dir schon viel Grauenhaftes berichten müssen.

Maria: Erzähle nur, lieber Vater, denn ich will alles über m e i n  Volk wissen.

   Und Herr Hirschberger kann jetzt seine Tränen nicht verbergen. Er umarmt sein einziges Kind und schluchzt an der Tochter Schulter: "Meine liebe Maria", so sagt er nach einer Weile, "heute ist mein glücklichster Tag. Du hast zu d e i n e m  Volk zurückgefunden."

Maria: Ja, lieber Vater. Ich weiss, dass ich jetzt mit Herz und Seele Jüdin bin. Ich g e h ö r e  zu unserem Volk und ich will mich dazu auch bekennen. Ich bitte dich, mir nichts zu verschweigen. Ich muss auch das Ende der Geschichte unseres Volkes mit allen Schattenseiten kennen. Erzähle mir bitte, was in Russland passierte.

Vater: Zar Nikolaus der Erste wird in die Weltgeschichte als einer der schlimmsten Judenmörder eingehen müssen. Er verordnete 1827, dass alle jüdischen Männer vom achtzehnten Lebensjahr an eine fünfundzwanzigjährige Dienstzeit beim Militär abzuleisten hätten. Ausserdem hatten sich alle Judenjungen vom zwölften Lebensjahr aufwärts einer sechsjährigen Militärvorbereitung zu unterziehen. Mit dieser einunddreissigjährigen Dienstzeit erhoffte der Zar, dass sich die jüdische Bevölkerung in seinem Reich verringern würde, dass die jungen jüdischen Frauen keine Männer hatten und damit keine Kinder bekommen konnten. Bei den Rekrutenaushebungen setzte eine allgemeine Jagd auf die Halbwüchsigen ein, und man achtete nicht so sehr auf deren Alter, so dass auch Achtjährige schon mit eingezogen werden konnten. Die meisten von ihnen haben wohl Eltern und Familie nie wiedergesehen. Allein auf den zu Fuss zurückzulegenden Transporten in die manchmal Tausende von Kilometern entfernten Gegenden ist oft schon die Hälfte dieser Jüngsten umgekommen. Der nächste Zar, Alexander der Zweite, setzte die Militärpflicht auf fünf Jahre herab und billigte uns grössere Freiheiten zu. "Endlich!", so dachten wiederum viele. Als aber dieser uns gewogene Zar 1881 ermordet wurde, beschuldigte man die Juden als Sündenböcke, woraufhin es zu so schauerlichen Pogromen kam wie selten zuvor in unserer Leidensgeschichte. Damals müssen Hunderttausende der Unsrigen ermordet worden sein. Überall in Russland vom Kaukasus bis in den Norden und sogar bis Warschau erklang der Ruf: "Tod den Juden!" In Panik flohen viele Hunderttausende nach dem Westen und überschwemmten, ihre armseligen Bündel in der Hand, die Hafenstädte, um auf eine Überfahrtgelegenheit nach den Vereinigten Staaten oder auch nach Australien, Neuseeland, Südafrika, Südamerika und Kanadasszu warten. Diese Massenemigrationen dauerten bis in die neueste Zeit an. Wohl drei Millionen jüdischen Osteuropäern dürfte die Flucht in die "Freie Welt" geglückt sein.

   Ich möchte der Veranschaulichung halber die Unsrigen einmal mit Blumenzwiebeln vergleichen, die achtzehn Jahrhunderte lang in den Kellern der Christen versteckt gehalten wurden. Man gönnte uns keine Erde, kein Wasser, kein Licht. Und stank es irgendwo im Haus, dann besann man sich der verkümmerten Zwiebeln und schob ihnen die Schuld zu, während die Hausherren doch meist selbst an der üblen Luft Schuld trugen. Oft warf man uns aus den Kellern oder verbannte uns. Doch diejenigen Zwiebeln, die auf reiche Erde fielen und Wasser und Licht genug bekamen, öffneten sich und trieben ihre Schäfte nach oben und entfalteten ihre Blüten. Und schon nahten sich wieder die Neider und vernichteten uns oder schafften uns zurück in ihre Keller, denn man log, wir seien Unkraut, das auszureissen sei.

Aber als man uns im neunzehnten Jahrhundert aus den Verliesen holte und uns in fruchtbare Erde steckte, dassschossen wir wundersam in die Höhe, und unsere Farben prangten und leuchteten gleich der schönsten Blumenpracht in den Gärten. Besonders die deutsche Erde tat uns gut. Und wurden unsere Blumenzwiebeln gar in jene Mitte des deutschen Gartens gesteckt, wo besonders gut gedüngt worden war, dassübertrafen wir an Wachstum und Schönheit sogar alles, was wir uns selbst bezüglich unserer Fähigkeiten vorzustellen gewagt hätten. In der Musikgeschichte haben deutsche Juden ihren ehrenwerten Platz errungen. Jeder kennt Felix Mendelssohn, den Enkel von Moses Mendelssohn, Meyerbeer, Offenbach, Mahler und Schönberg. Als Dirigenten und musizierende Künstler haben sich die Unsrigen zu internationalen Berühmtheiten emporgeschwungen. Vielleicht noch nachhaltiger wirkten wir jedoch in der deutschen Literatur, wo wir Erstaunliches leisteten. Ich könnte dir jetzt Dutzende von Schriftstellernamen nennen, doch will ich mich auf einige wenige beschränken, die du sicherlich auch schon vernommen, wenn nicht gar schon selbst gelesen hast: Börne, Auerbach, Heine, Heyse, Ludwig, Mauthner, Wassermann, Kafka, Döblin, Tucholsky, Feuchtwanger, Arnold und Stefan Zweig, Schnitzler, Sternheim, Kerr, Lasker-Schüler, Kraus, Werfel und so weiter. Und wir taten uns vor allem auch auf der Bühne hervor - als Schauspieler und Sänger - , und auch hinter der Bühne - als Intendanten, Regisseure, Bühnendekorateure und so weiter. Auch der Stummfilm wurde von uns zu wohl unübertroffener Höhe geführt. In den Geisteswissenschaften taten sich viele Juden hervor, in der Psychologie gar wiesen sie neue Wege, und Siegmund Freud und Alfred Adler können als die eigentlichen Begründer der modernen Psychologie angesehen werden. In der Medizin machten sich viele Juden grosse Namen. Aus den Naturwissenschaften sind einige Namen wie Hertz und Haber gar nicht wegzudenken. Ja, Albert Einstein revolutionierte gar die ganze Physik. Und die Liste der deutsch-jüdischen Nobelpreisträger ist lang. Die deutsche Wirtschaft erlebte von der Gründung des deutschen Reiches bis zum Krieg einen enormen Aufschwung. Viele Bankiers waren Juden. Ebenfalls waren die Eigentümer oder Direktoren grosser Unternehmen aller Branchen oftmals Juden. Ja, man kann ohne Übertreibung sagen, dass wir das deutsche Wirtschaftsleben auf das nachhaltigste zu seinen Gunsten beeinflusst haben. Gemessen an der deutschen Bevölkerungszahl war unser Anteil am geistigen und kulturellen Schöpfertum und an den führenden Köpfen in akademischen Berufen und im Wirtschaftsleben zwanzigmal so hoch. Was jahrhundertelang von uns behauptet worden war - dass wir zu keiner Kulturleistung fähig seien -, widerlegten wir mit schlagenden Beweisen. Zu lange hatte man uns zurückgehalten und uns gar das Lebensrecht abgesprochen. Jetzt mussten wir beweisen, dass wir, so uns die Hände nur entbunden wurden, auf jedem Gebiet zu schöpferischen Leistungen fähig waren. Und wir haben es bewiesen, bis jener unheilvolle Hitler unsere Hände wieder fesselte und, wer weiss, uns gar alle umbringen wird.

Maria: Fühlst du dich mehr als Jude oder als deutscher?

Vater: Das hiesse einen deutschen Katholiken fragen, ob er sich mehr als Christ oder als deutscher fühle. Durch das Leid und den Glauben, obwohl ich mich bestimmt nicht als orthodoxen Juden bezeichnen möchte, bin ich Jude. Durch meine Geburt und meine Liebe zu meinem Vaterland bin ich deutscher. Ja, ich war sogar ein fanatischer deutscher. Gleich bei Verkündigung des Ersten Weltkrieges habe ich mich zu den Waffen gemeldet, und keine heiligere Verpflichtung und Ehre hat es damals für mich gegeben, als für mein Vaterland zu sterben. Ich habe eifrig mitgekämpft und mehr Tapferkeitsauszeichnungen erhalten als jener Hitler. Wie sehr habe ich Deutschland geliebt. Und jetzt muss ich es fürchten, ja, sogar hassen. Ich muss mich sogar danach sehnen, dass Deutschlands Feinde gewinnen, damit wir Verfolgte überleben dürfen. Und wer ist schuld an all dem Unheil? Nur dieser verdammte Maler aus Braunau. Ich habe dir ja schon von meiner Begegnung mit ihm erzählt. Für ihn zählen wir Juden weder als deutsche noch als Menschen. Wir sind weniger als Tiere. Wir sind nicht Gottes Ebenbild, doch der "Arier" ist es. Das Licht der Sonne darf uns nicht scheinen, sondern nur den Ariern. Woher nimmt sich dieser Lümmel das Recht zu entscheiden, wer ein deutscher, ja, wer überhaupt ein Mensch sein darf? Am liebsten würde ich tot umfallen.

   Und der Vater bricht in Tränen aus. Maria hält ihn wie ein Kind in den Armen. Auch ihre Augen sind feucht geworden. Zu viele Tränen musste sie schon vergiessen.

Maria: Lieber Vater! Fasse Mut! Eines Tages wird auch uns wieder die Sonne über Jerusalem scheinen.

   Und als sie so eine Weile gesessen haben, beginnt es in der Abenddämmerung zu regnen.

Vater: Wir haben hier unter den Bäumen keinen richtigen Schutz vor dem Regen. Aber noch müssen wir uns über vier Stunden lang versteckt halten, bis wir den Apotheker aufsuchen können. Vielleicht sollten wir ins Dorf gehen und uns in ein Wirtshaus setzen. Ich bin hungrig und müde. Mich friert.

Maria: Ja, ich bin auch dafür. Hier in der Kälte und Nässe zu verweilen, könnte uns wieder eine Grippe bescheren.

Vater: Wenn man uns fragt, wer wir seien, müssen wir wieder sagen, wir seien Ausgebombte aus München und befänden uns auf dem Weg zu Verwandten nach Tübingen. Hoffentlich haben wir wieder Glück, dass uns keiner nach dem Ausweis fragt.

   Eine halbe Stunde später sitzen die beiden Verstecker, die sich der nassen Mäntel entledigt haben, in einer hinteren Ecke der Wirtshausstube. Rechter Hand hängt ein grosses Plakat. Auf ihm steht in breiten Lettern: "Achtung! Feind hört mit!" Sie bestellen sich jeder eine Nudelsuppe. Ihnen gegenüber haben sich fünf Landwirte an einem Nachbartisch um einen Fronturlauber gruppiert, der offenbar nur für einige Tage in seinem Heimatdorf verweilen darf, denn er spricht davon, dass er bald zurück nach Polen müsse, dass es dort noch "genug" zu tun gäbe. Man merkt diesem etwa Vierzigjährigen an, dass er schon betrunken ist und sich gerne vor den älteren Dorfbewohnern wichtig tun möchte. Er spricht trotz der ihn gelegentlich zu leiserem Sprechen auffordernden Zuhörer so laut, dass jeder im Raum alles verstehen kann.

Urlauber: Ja, der deutsche Soldat von der Waffen-SS, der ist ein Kämpfer, das kann ich euch sagen. Die Iwans haben wir gejagt wie die Hasen.

Erster Bauer: Aber man sagt doch, dass der Russe an Boden gewinnt und die deutschen zurücktreibt?

Urlauber: Das ist doch nur ein Trick vom Führer. Er lässt sie näher ans Reich herankommen, um dann vernichtend über sie herzufallen. Der Führer ist ein schlauer Fuchs. Er lockt die Hasen aus ihrem Bau, und dann stürzt er sich auf sie.

Zweiter Bauer: Ach so! Jetzt verstehe ich erst. Ja, ich wusste es ja, der Führer ist der Schlauste. Auf ihn können wir uns verlassen.

Dritter Bauer: Sag, Seppel! Wo sind denn die ganzen Juden hingekommen, die nach dem Osten gebracht worden sind?

Erster Bauer: Das weiss doch jeder. Die stecken in Arbeitslagern und müssen für uns arbeiten. Aber sag, wird der Führer ihnen nach dem Sieg auch Land zur Ansiedlung zuteilen?

Urlauber: Das Land ist ihnen jetzt schon zugeteilt. Das besiedeln sie schon. Allerdings haben sie dort keine Bewegungsfreiheit mehr, denn es geht darin drunter und drüber.

Vierter Bauer: Was meinst du damit?

Urlauber: Ihr Siedlungsland liegt unter der Erde. Haha! Und um in das Land zu kommen, müssen sie sich den Zugang selbst schaufeln. Dann dürfen sie sich dort hineinstellen und drrrr, drrrr rattern die Maschinengewehre auf sie herab. Dann dürfen sie sich in ihr Land legen und seine Kultivierung mit der Düngung beginnen. Die Maden werden ihnen dabei helfen. Haha! Haha!

Zweiter Bauer: Mensch, Seppel, du bist verrückt! Sprich leise, damit uns niemand hört. Das stimmt doch alles nicht. Sag?

Urlauber: Ich habe es gesehen. Ich war dabei! Ich habe noch viel mehr gesehen. Und ein Unterscharführer aus Belzec hat mir erzählt, dass die Juden dort in Waschräumen zu Zigtausenden vergast werden.

Maria: Vater! Lass uns gehen! Ich muss weg von hier! Schnell! Schnell!

Vater: Ja, pst! Gedulde dich! Fräulein!! Bitte zahlen!

Urlauber: Und in Auschwitz sollen schon Millionen von Juden aus ganz Europa vergast worden sein. Jawohl! Jetzt lebt kein Jud’ mehr im deutschen Reich. Denen haben wir Neuland gewonnen. Haha!

Maria, zu dem Tisch der sechs tretend: Sie Schwein! Sie ekeliger Kerl! Sie sind ja gar kein Mensch! Wie können Sie über solch eine Bestialität lachen?!

Vater: Komm, Maria, lass uns schnell hinausgehen!

Maria, der die Tränen kommen: Gott wird Sie einst für Ihre Verbrechen bestrafen!

Vater: Komm!

Urlauber: Hitler ist unser Gott, jawohl!

Zweiter Bauer: Mensch, Seppel, du hättest nicht so laut schreien dürfen.

Urlauber: Ach was! Aber weisst du, die beiden sahen gerade so aus wie die, die wir im Osten unterirdisch ansiedeln, jawohl. Ich habe das Gefühl, das waren Juden! Jawohl! Ich habe schon den Blick dafür bekommen. Die kriecherische Haltung, die ängstlichen Blicke. Ich bin mir sicher, das waren Juden.

Dritter Bauer: Sei ruhig! Du hast zuviel getrunken.

Urlauber: Nein, ich weiss, was ich sage. Geh zum Schorsch und sage ihm, hier seien zwei Juden. Er soll sie einsperren und nach Polen schicken. Vielleicht sehe ich sie dann dort wieder. Haha! Haha!

Zweiter Bauer: Mensch, Seppel! Reiss dich zusammen! Juden gibt es schon lange nicht mehr bei uns. Das waren bestimmt Ausgebombte.

Urlauber: Nein, nein. Ich kenne die Juden. Sag dem Schorsch Bescheid, er soll seines Amtes walten. Vielleicht treiben die beiden Spionage für den Feind. Da, seht auf das Plakat! dasssteht’s: "Achtung! Feind hört mit!" Die beiden sind Feinde unseres grossdeutschen Vaterlandes, so wahr ich Sepp Wagner heisse!

Die beiden Verdächtigen stehen im Regen.

Vater: Komm, lass uns schnell fort von hier! Am besten, wir gehen in den Wald zurück. Zum Apotheker können wir nicht mehr gehen. Sicher ist dieses SS-Ungeheuer der Ehemann seiner Hauswirtin. Jetzt giesst es nur so vom Himmel herab. Aber was hilft es? Wir müssen heute nacht wie die Rehe unter den Zweigen Schutz vor dem Unwetter suchen.

Maria: Vater, lass uns sterben. Ich will nicht mehr leben. Was ich vorhin gehört habe, geht über mein Fassungsvermögen. Jetzt wissen wir es. Der Hitler bringt uns alle um, alle. Und diese SS-Schweine stellen sich ihm zur Verfügung und prahlen noch mit ihren Heldentaten. Vater, lass uns zusammen in den Fluss steigen! Ich kann nicht mehr leben! Der Gedanke, noch eine Stunde länger auf dieser Erde bleiben zu müssen, erstickt mich.

Vater: Mein Liebes! Gehen wir erst einmal in unseren Wald zurück. Ich muss ihr jetzt beistehen und Mut zusprechen. Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass sie sich ein Leid zufügt. Ich werde jetzt leben, damit sie überlebt. Nun wissen wir endlich Bescheid, was mit uns im Osten geschieht. O Herr! Warum schüttest Du dies Unheil über unsere Häupter? Warum hast Du uns in die langersehnte Freiheit geführt und stürzest uns nun in den tiefsten Abgrund unseres langen Leidensweges? Herr! Herr! Was haben wir Dir Böses getan?

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