Molar: Ja, der Stämpfli ist doch ein netter Mensch. Als ich Hermann am Sonntagabend abholte, hat er uns noch zum Abendbrot eingeladen, und danach sagte er: „Lieber Herr Doktor! Wir haben durch Ihre Erzählungen von Ihrem und Ihrer Familie Schicksal vernommen. Es geht mir und meiner Frau sehr nah. Aber trotzdem, so leid es mir tut, muss ich Ihnen sagen, dass Sie für mein Madagaskarprojekt doch nicht der geeignete Mann sind. Meine Frau hat Ihrem Sohn noch einige gebrauchte Kleidungsstücke meiner Kinder zusammengebündelt. So hat er doch wenigstens erst einmal eine anständige Garderobe. Und ich, lieber Herr Doktor, möchte Ihnen als eine gewisse Entschädigung für Ihre vergeblichen Hoffnungen tausend Franken zahlen." Danach hat mein Herz zu jubilieren angefangen. Ich habe ihm und seiner Frau auch gleich zwei „Festliche Gaben" gewidmet und jedem ein paar Bastschuhe geschenkt. Was für liebe Menschen leben doch in der Schweiz! Ja, dieser Sonntag war ebenso eine Bescherung aus heiterem Himmel wie damals auf der Zugspitze. Und am nächsten Tag glückte es mir doch tatsächlich, Hermann bei Stämpflis Cousine unterzubringen. Sie bedingte sich allerdings aus, dass ich ihn spätestens in zwei Monaten wieder abholen würde. Na, jetzt kann der gute Junge sich doch erst einmal wieder richtig satt essen. An Maria habe ich vorgestern auch geschrieben. Was macht sie wohl jetzt? Denkt sie auch oft an mich? Manchmal glaube ich, sie zwischen den Passanten hier auf der Strasse zu entdecken. Ich bekomme dann jeweils einen mich durchglühenden Schreck. Aber dann dreht sich die vermeintliche junge Dame um, und ich sehe in ein anderes Gesicht. Und schon bin ich wieder enttäuscht. Ja, ihre Gestalt, ihre Augen, ihr Mund stehen mir ständig und unauslöschbar vor meinem geistigen Auge. Ich habe ihr in dem Brief gesagt, dass ich hier in der Schweiz versuchen werde, für meine Dichtung an Boden zu gewinnen. Das eigene Land verschmäht seine wirklichen Dichtersöhne. Nur im nachhinein wird man anerkannt. Man muss im Ausland entdeckt werden. ... Dies ist das Haus des Pazifisten, der mir damals im Café seine Visitenkarte überreichte. Ja, hier, dasssteht neben der fünften Klingel sein Name: Immanuel Scheuch - 3 x klingeln.
Und unser siegreicher, von Mariaschimären gescheuchter Dichtermann drückt den vergilbten Knopf dreimal. Und eine Stimme von oben, wohl aus geöffneter Dachluke entfahrend, verkündet: „Moment! Ich komme gleich! Bitte warten Sie! Wait! Attendez! Aspetta me!" Und unser sprachgewandter Poet hat verstanden: Ja, ein Internationaler! Vortrefflich! Ein Weltbruder! Und der treppenherabtapsenden Schrittes nahende Herr Scheuch öffnet die Tür: „Ah, Sie sind es, Herr Doktor Bröckelmeyer, wenn ich Ihren werten Namen noch richtig in Erinnerung habe!" Molar: Bröckelberger-Molar, wenn ich verbessern darf. Guten Tag, werter Herr Scheuch! Ich wollte Sie gerne mal besuchen, dassSie mir ja letztesmal Ihre Visitenkarte ... Scheuch: Aber natürlich! Tag und Nacht stehe ich meinen Freunden zur Verfügung. Aber ich dachte, Sie seien schon in Madagaskar? Was hat Ihre Abreise verzögert? Molar: Ich habe mich entschieden, in Europa zu bleiben und für die Weltverbrüderungsidee zu streiten. Scheuch: Lieber Herr Doktor! Das ist aber eine Freude! Darf ich Sie umarmen? Kommen Sie herein! Es trifft sich gut. Wir erwarten heute noch einige ausländische Gäste. Und oben in meinem Schlupfloch sitzen schon Freunde aus nah und fern. Sie werden sich bei uns wie zu Hause fühlen. Es sind alles Gleichgesinnte. Und beide steigen nun die vielen Treppen bis unter das Dach empor und treten in die Giebelbude ein, wo sich gut und gerne schon fünfzehn bis zwanzig Weltbürger versammelt haben, dassan sie das Scheuchwort ergangen war: „Lasst uns eine neue internationale Zeitschrift gründen, die dazu berufen ist, zu versuchen, den Untergang der westlichen Kultur doch noch aufzuhalten oder gar zu verhindern!" Und der deutsche Dichter wird als „bester" Vertreter des weltbürgerlichen Poetentums den Her- und Hochgescheuchten - jetzt aber unter Dach und Fach friedlich vereint zumeist auf dem Teppich Sitzenden - vorgestellt und mit Händeklatschen begrüsst, worauf unser Flinkentschlossener die Gunst der Stunde nutzt und seinen auf pazifistischer Rückreise entstandenen „Aufruf" (du erinnerst dich doch gewiss noch deiner lückenhaften Zuraunung?) zu deklamieren anhebt, was mehrstimmiges Lob zur Folge hat. Der Inhalt wird den ausländischen Gästen von übersetzungsfreudigen Nachbarn verdolmetscht, worauf Entgegnungen wie "how wonderful!", „incroyable!", „fantastico!" an die Ohren des Dichters dringen und ihn für Augenblicke selbst Maria vergessen lassen. Im Laufe der nächsten Stunden - wir wollen uns kurz fassen, dass wir uns nicht dem Allzu-Pazifistischen ergeben möchten und Buch-Gewichtigeres zu verzeichnen haben - wird der Name des internationalen, in vier Sprachen zu erscheinenden Vierteljahresjournals mit achtzehn gegen sechs Gegenstimmen festgesetzt: „Fraternitas Universalis". Auch die Redakteure und Mitarbeiter werden ernannt, und - man höre und staune! - Dr. Bröckelberger-Molar wird nicht allein seines dem Pazifistenblatt Würde und Gediegenheit versprechenden Doktortitels wegen, sondern wohl vor allem seiner Sprachgewandtheit halber zum „principal corrector" ernannt. Ach, wenn Maria jetzt diese meine Sternstunde miterleben dürfte! Wir wollen dem Verschlag der Friedenstauben entfleuchen und uns - Raum und Zeit durcheilend - dort als heimliche Zugvögel einnisten, wo der Alt-Student der Pharmazie dem Verleger Schuster seine gesammelten Jugend- und Studentengedichte in die Hand drückt. Wir schreiben das Jahr 1935 und befinden uns in Leipzig. Hans Winfried: Bitte, werfen Sie doch einen Blick hinein. Bestimmt wird Ihnen das eine oder andere gefallen und in einem Ihrer Journale Platz finden können. Viele Menschen sehnen sich bestimmt nach Worten der Vernunft. Herr Schuster: Aber die Vernunft von heute ist Adolf Hitler. Hans Winfried: Eben deshalb lesen Sie doch wenigstens das erste Gedicht. Der Angesprochene nimmt griesgrämig die dargereichte Anthologie in die Hand. Ich wollte mich erst gar nicht auf diesen Jungdichter einlassen. Nun ja! Lesen wir also das erste Gedicht. Hans Winfried: Ja, der Herr Schuster wird bestimmt von der Dringlichkeit dieser Gedichte überzeugt sein. Hitler hat gerade die allgemeine Wehrpflicht verkündet. Überall wird wieder gerüstet. Nun, was meinen Sie dazu? Herr Schuster: Das Gedicht ist - abgesehen von seiner Bedenklichkeit - auch sonst unmöglich. Wir dürfen keine pazifistischen Duseleien drucken. dasskommen Sie um fünfzehn Jahre zu spät zu mir. Haben Sie denn gar keine Ahnung, was die Stunde geschlagen hat? Hans Winfried: Eben deshalb bin ich ja gekommen. Die Verantwortungsbewussten müssen zusammenhalten und Vernunft unter dem Volk verbreiten. Herr Schuster: Wissen Sie, dass Sie für diese Haltung nach Dachau kommen können? Wenn dieses Gedicht in die falschen Hände gerät, werden Sie eines dunklen Morgens abgeholt und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Hans Winfried: Ich glaube, Sie übertreiben! Herr Schuster: Ganz und gar nicht! Wissen Sie denn gar nicht, bester Mann, dass Pazifismus und Weltbürgertum mit dem verachteten und bestimmt vernichtet werdenden Judentum auf eine Stufe gestellt werden? Was sich nicht „gleichschalten" lässt, wird vom Staat - und dieser ist der Wille des Führers - wie „Ungeziefer" „vertilgt". Hans Winfried: Eben deshalb sollten wir Vernunft ... Herr Schuster: Vernunft hat der, der versteht, was heute gespielt wird, und sich ganz zurückhält oder aber mitmarschiert. Eine weltverbesserische Haltung führt ins KZ. Haben Sie denn noch nie in „Mein Kampf" hineingesehen? Tun Sie es, bester Herr Bröckelberger, damit Ihnen Ihre Dichteraugen aufgehen. Der Führer wird alle seine Versprechen in diesem Wahnwerk einhalten. Er will erobern, Raum schaffen. Und Millionen werden zu sterben haben. Hans Winfried: Aber wenn Sie das schon alles voraussehen, dann müssen Sie doch etwas dagegen tun! Herr Schuster: Lieber Herr Bröckelberger! Ich habe Frau und Kinder. Unsere Presse wird ständig kontrolliert. Uns werden politische Leitlinien gegeben, die wir einzuhalten haben. Einige unserer Mitarbeiter haben es nicht für nötig befunden, diese zu befolgen. Sie mussten entlassen werden. Zwei wurden von der Polizei in „Verwahrsam" genommen und mögen jetzt in Dachau geschurigelt werden. Wenn Sie heute als Dichter erfolgreich sein wollen, dann schreiben Sie ein Hassgedicht auf die internationale jüdische Verbrecherbande, und ich werde es im „Stürmer" unterbringen. Dichten Sie Verse auf die bösen Franzosen, auf das ungerechte „Versailles", auf die schlangenköpfige Bolschewistenhydra, und Ihre Erzeugnisse werden „stürmerisches" Wohlgefallen erringen. Aber lassen Sie um Gottes willen, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, das Pazifistengeschwafel. Folgen Sie dem Willen des Führers. Jedes abweichende Denken ist hochexplosiv. Sie verstehen, was ich meine? Alle völkerverbindenden Tendenzen sind zu vergessen, denn es gibt zur Zeit im deutschen Reich nur eine Tendenz, und das ist die führerausgerichtete völkische. Als pflichtbewusster deutscher haben Sie dem Staatsoberhaupt in allem zu folgen. Und ein guter Dichter sind Sie heute nur, wenn Sie sich für das deutsch-Völkische engagieren und zu seiner Vergrösserung und Verherrlichung beizutragen bereit sind. Aller Internationalismus, ja, alles Gegenvölkische ist Defätismus. Und auf Defätismus steht Schutzhaft. Machen Sie keinen Fehler. Ich meine es gut mit Ihnen. Das Gedicht, das Sie mir zeigten, ist ein reines Selbstmordgedicht. Verstehen Sie? Hans Winfried: Aber es soll doch gerade mithelfen, das Morden zu vermeiden? Herr Schuster: Eben deshalb können Sie ermordet werden. Ich hoffe, ich habe mich verständlich genug ausgedrückt. Mitmachen oder Entsagen, das ist die Devise. Ich habe mich für das erstere entschieden. Und Sie schweigen über unser Gespräch! Verstanden?! Hans Winfried: Ja, aber ... Herr Schuster: Nun, ich habe noch zu tun. Heil Hitler!
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